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INKAMUMIEN
Seit der Eroberung durch spanische Konquistadoren im 16. Jahrhundert hat Tawantinsuyu, das Inkareich, unablässig die Phantasie erregt. Mit seinen zyklopischen Bauwerken, seinem Netz von Heerstraßen und seinem Ruf eines kommunistischen Sozialstaats - und das alles in der unzugänglichen Region der Andengipfel - zeigt uns das Inkareich, was menschliche Willenskraft und Organisationstalent in einer feindlichen Natur verwirklichen können.
Weit oben auf den Gipfeln haben die Inka unter dem Eis einige der rätselhaftesten Mysterien verborgen. Auch Sie können im Buch von Patrick Tierney an diesen Entdeckungen teilnehmen. Sein Bericht wirft ein vollkommen neues Licht auf diese faszinierende Kultur.
TIERNEY, Patrick
Götter, Gräber, Menschenopfer:
Erschütternde Tatsachen über den Tot als rituelle Handlung,
Baarn, Tirion, 1990. 312 Seiten - Karten + Inhaltsverzeichnis
1983 reiste der Journalist Patrick Tierney nach Peru, um einen Bericht über die Leichenschau der gut konservierten, fünfhundert Jahre alten Mumie eines Inkakindes zu schreiben.
Diese Mumie wurde 1954 auf einem hohen schneebedeckten Andengipfel gefunden. Mit Hilfe moderner medizinischer Hochtechnologie entdeckte man, dass der Junge nicht an einer Krankheit oder an Verletzungen gestorben war, sondern dass er lebendig begraben wurde. Er ist den Göttern geopfert worden: gehüllt in wertvolle Gewänder und begleitet von goldenen und silbernen Opferfiguren.
1964 entdeckten argentinische Bergsteiger in 6000 Meter Höhe ein zweites Opfer, diesmal einen jungen Mann. Einer der Bergsteiger war so davon begeistert, dass er eine neue Richtung der Archäologie ins Leben rief: die "Höhenarchäologie". Es stellte sich nämlich heraus, dass die Inka auf unzugänglichen Berggipfeln Heiligtümer errichtet hatten. In solchen Höhen ist die Luft so dünn, dass sie nicht mehr zum Atmen ausreicht. Hier wurde den höchtsten Andengipfeln Opfer gebracht. Denn die Berge der Anden betrachtete man als Gottheiten, die die Macht über das lebensnotwendige Wasser besaßen.
Dieser Kult zog auch Tierney in seinen Bann. Im Gegensatz zu den bluttriefenden Opferorgien der Azteken in Mexiko wurden Menschenopfer im Inkareich als eine bedauerliche, jedoch unbedeutende Nebenerscheinung abgetan. Die Höhenfunde, gemeinsam mit einem erneuten Studium alter spanischer Chroniken aus dem sechszehnten und siebsehnten Jahrhundert, führten zu der Erkenntnis, dass Menschenopfer für die Aufrechterhaltung der Macht des Inka Sapas von entscheidender Bedeutung waren. Das große und heterogene Reich, über das inka Sapa herrschte, war 4000 km lang und erstreckte sich von Ecuador bis weit nach Chile hinein. Tierney hat entdeckt, dass diese Art Brauchtum - trotz der Nachforschungen der spanischen Inquisition und der heutigen Polizei - noch immer praktiziert wird.
Im Zusammenhang mit Gerüchten über rituelle Morde, die erst vor wenigen Jahren sowohl auf dem Gebiet der chilenischen Mapuche-Indianer als auch in der Umgebung des Titicacasees in Peru begangen wurden, hielt er sich lange Zeit unter der einheimischen Bevölkerung auf, um einen Einblick in die gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe ihrer Riten zu bekommen. Er ist sogar einigen der meist berüchtigten Zauberern begegnet und trat an einem Grab für den 1986 geopferten Clemente Limachi als Pate auf. Dieser wurde in der ganzen Gegend als besonders mächtiger Heiliger verehrt.
Auch heute noch werden Menschen durch Rituale getötet, welche den sehr alten Vorbildern ähneln. Aber heutzutage wird das Opfern von Menschen auf Wunsch reicher Rauschgifthändler oder Minenbesitzer durchgeführt. Diese wollen noch reicher werden, indem sie "die Erde bezahlen". Eine pervertierte Version des höchsten Opferkultes also, der früher den elementaren Interessen der Gesellschaft zu dienen hatte. Damals wurden Menschenopfer nur in aussichtlosen Situationen dargebracht, d.h. in Zeiten von Erdbeben, Überschwemmungen und langanhaltender Dürre.
Hier trägt das Buch eher Züge einer anthropologischen Reisebeschreibung, weniger eines archäologischen Berichtes. Aber die Daten aus den ältesten Andenkulturen wie Chavin und Nazca, verweisen auf die Kontinuität eines fundamentalen, religiösen Geschehens, das viel weiter in die Geschichte zurückreicht als das relativ junge Inkareich (fünfzehntes bis sechszehntes Jahrhundert). Dass Tierney dabei keine Sensationsnachrichten verbreitet, sondern als zuverlässiger Führer durch die Inkakulturen gelten kann, beweisen die jüngsten Grabungen in Sipan, im Norden Perus. Vor einigen Jahren wurde dort die prunkvollste Tumba entdeckt, die die Neue Welt jemals zu Gesicht bekommen hat. Der Mosche-Herrscher, der hier begraben lag, war nicht nur umgeben von hunderten prächtigen goldenen Schmuckstücken, sondern auch von fünf Menschenopfern. Anhand der schönen Kleidung und der Grabbeigaben konnte man den bedeutenden Toten als Priester identifizieren, der das Opfern von Menschenleben geleitet hatte. Der Autor ist davon überzeugt, dass ursprünglich Kulturen auf der ganzen Welt das menschenopfer gekannt haben und dass diese Praktiken sogar einen großen Teil unserer eigenen christlichen Geschichte bestimmt haben. (Denken wir mal an Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak zu töten.)
Seit der Niederschrift dieses Buches haben neue Funde, meistens von National Geographic Society gesponsert, das Bild ergänzt.
Tinne Nuyts
Internet:
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National Geographic Site: "An Interactive Expedition" |
National Geographic Magazine:
Reinhard, J. & M. Stenzel, "Frozen in Time", vol.196, nr. 5, November 1999, p. 36 - 55
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